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Charta Oecumenica
Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit unter den Kirchen in Europa
„Bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens! Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung: ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.“
1. Gemeinsam zur Einheit im Glauben berufen
Mit dem Evangelium Jesu Christi, wie es in der Heiligen Schrift bezeugt wird und im Ökumenischen Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel (325/381) zum Ausdruck kommt, glauben wir an den einen Gott „den Vater, den Allmächtigen, Schöpfer des Himmels und der Erde“; den einen Herrn Jesus Christus, der uns in seiner Menschwerdung, seiner Kreuzigung und seiner Auferstehung die Liebe Gottes und das Geheimnis der Versöhnung offenbart; und an den Heiligen Geist, „der lebendig macht“, der uns zu einem Leben in koinonia (Gemeinschaft und gemeinschaftliche Teilhabe) mit ihm und allen Geschöpfen Gottes führt. Weil wir die „eine, heilige, katholische und apostolische“ Kirche bekennen, ist es unsere vorrangige ökumenische Aufgabe, diese Einheit sichtbar zu machen.
Im Gehorsam gegenüber dem letzten Auftrag Christi und unter dem Impuls des Heiligen Geistes (Apg 2,46-47) sind wir bereit, „das Evangelium der ganzen Schöpfung“ (Mk 16,15), und insbesondere allen Völkern Europas zu verkünden; und zwar gemeinsam! Wir glauben und erleben bereits, dass diese Verkündigung des Evangeliums (kerygma) ein kraftvolles Zeichen und eine überfließende Quelle unserer Einheit ist, die immer ein Geschenk Gottes bleibt.
Jedoch gibt es Hindernisse für die sichtbare Einheit, unter anderem in Bezug auf das Verständnis
der Kirche, der Sakramente und des Amtes. Wir bedauern dies schmerzlich, denn wir wissen,
dass das, was uns eint, tiefer und größer ist als das, was uns trennt.
2. Auf das Wort Gottes hören und gemeinsam beten
Die ökumenische Bewegung ist das Werk des Heiligen Geistes, der Gläubige und Kirchen zur gegenseitigen Liebe und zur Antwort auf den Ruf zur Einheit ermutigt. Sie lebt davon, dass wir auf Gottes Wort hören und den Heiligen Geist in uns und durch uns wirken lassen. In der Kraft der Gnade Gottes versuchen viele verschiedene Initiativen, durch Gottesdienste und Gebet die geistliche Gemeinschaft unter den Kirchen zu vertiefen und für die sichtbare Einheit der Kirche Christi zu beten.
In dem Bewusstsein, dass „wir alle durch den einen Geist in der Taufe in einen einzigen Leib aufgenommen worden sind“ (1 Kor 12,13), feiern wir Zeichen der Hoffnung: Wir hören gemeinsam auf das Wort Gottes, manche benutzen gemeinsame Bibelübersetzungen und Lektionare. Wir beten mit den Worten, die unser Herr uns gegeben hat, wir studieren gemeinsam die Bibel, wir feiern gemeinsam Gottesdienste, wir treffen uns zu ökumenischen Gebeten und wir begehen gemeinsam die Gebetswoche für die Einheit der Christen. Trotz enormer Bemühungen um eucharistische Gastfreundschaft und Gemeinschaft bleiben dennoch Trennung bestehen. Christliche Kirchen und konfessionsverbindende Familien leben mit diesem Schmerz.
3. Aufeinander zugehen
Im Geiste des Evangeliums wollen wir die Einheit und die Gemeinschaft der Christenheit bezeugen. Demgegebüber erkennen wir unsere historischen und gegenwärtigen Spaltungen an, die unser gemeinsames Zeugnis vor dieser Welt behindern. Wir erkennen, dass menschliche Schuld, der Mangel an Liebe und der Missbrauch des Glaubens und der Kirche für politische und selbstsüchtige Interessen ernsthaft die Glaubwürdigkeit des christlichen Zeugnisses beschädigt haben. Die Ökumene beginnt daher mit der Erneuerung unserer Herzen, mit der Schaffung einer Kultur der Liebe und der Förderung von Gastfreundschaft und Vertrauen. Gegründet im Evangelium Christi wollen wir uns miteinander und mit unserer Geschichte versöhnen. Wir vertiefen weiterhin das Verständnis für die jeweiligen Theologien und Traditionen des anderen.
4. Gemeinsam Zeugnis geben
Die Verkündigung des Evangeliums beginnt mit dem Zeugnis durch Wort und Tat. Wir erkennen die jüngere europäische Geschichte der Säkularisierung, des Pluralismus und des Individualismus an. Wir nehmen auch die vielfältigen und komplexen Beziehungen zwischen Staaten und Religionen in den europäischen Ländern wahr. Daher ist es wichtig, so Zeugnis abzulegen, dass es auf die verschiedenen Kontexte und Bedürfnisse eingeht.
Wir glauben, dass die menschliche Würde und Freiheit von der Gottebenbildlichkeit ausgehen. Unser Zeugnis respektiert daher die Religionsfreiheit als grundlegend für die Antwort auf den Ruf des Evangeliums. Das heißt, wir verzichten darauf, Menschen durch moralischen Druck oder materielle Anreize zum Übertritt zu zwingen, während wir gleichzeitig niemanden daran hindern, aus eigenem Willen zum Glauben zu finden.
Ein glaubwürdiges Zeugnis erfordert, dass wir die Frohe Botschaft gemeinsam und nicht in Konkurrenz gegeneinander verbreiten. Es ist wichtig, das Evangelium gemeinsam zu verkünden und zu leben, in den Familien, unter Freunden, am Arbeitsplatz, in unseren Gemeinden, in der Bildung, in der Seelsorge, sowohl in der persönlichen Begegnung als auch in digitalen Räumen. Die Verkündigung des Glaubens, auch im öffentlichen Raum, soll Orientierung im Leben bieten und Menschen unterstützen, die sich mit ethischen, sozialen und politischen Fragen auseinandersetzen.
Zeugnisgeben erfordert auch, uns ehrlich mit unseren eigenen Versäumnissen auseinanderzusetzen. Folglich bekennen wir, dass unsere Kirchen – anstatt Zeugnis abzulegen – an sündhaften und skandalösen Handlungen beteiligt waren, wodurch großer Schaden verursacht und zugelassen wurde. Ein notwendiger Teil unseres Zeugnisses ist es, auf die Heilung der Wunden hinzuarbeiten, die vulnerablen Mitgliedern unserer Kirchen zugefügt wurden.
5. Dialog und Zusammenarbeit fortsetzen
Geleitet vom Heiligen Geist sind wir in den letzten Jahrzehnten im Dialog und in der Begegnung zwischen unseren Kirchen weit vorangekommen. Viele Christen aus verschiedenen Kirchen leben Seite an Seite in ihrer Nachbarschaft, am Arbeitsplatz und in ihren Familien, wo sie freundschaftlich zusammenarbeiten. Konfessionsverbindende Familien sind zu einer Quelle und Inspiration für die Gestaltung ökumenischen Lebens geworden, indem sie auf Herausforderungen hinweisen, die aus konfessionellen Unterschieden entstehen und Perspektiven eröffnen, gemeinsam in Liebe neue Wege zu finden.
Bilaterale und multilaterale ökumenische Gremien wurden für die Zusammenarbeit auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene eingerichtet und fortgeführt. Sie haben Dokumente und Vereinbarungen von großer Bedeutung hervorgebracht, die unseren Kirchen geholfen haben, ihre theologische Reflexion zu entwickeln und ihr gemeinsames Handeln zu unterstützen. Wir sind dem Herrn dankbar für das, was erreicht worden ist.
Auf europäischer Ebene ist es notwendig, die Zusammenarbeit zwischen der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK), dem Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) und anderen interkonfessionellen kirchlichen Organisationen zu stärken. Es ist auch wichtig, weltweite kirchliche Perspektiven in diese Gespräche mit einzubeziehen.
Bei Konflikten zwischen und innerhalb von Kirchen sollen Bemühungen um Vermittlung und Frieden initiiert und bei Bedarf unterstützt werden.
Es ist wichtig, in einem Geist der Ehrlichkeit, der Demut, der Buße und des unmissverständlichen Bekenntnisses zum befreienden Evangelium Christi auf jegliche Tendenzen des Fundamentalismus oder der Polarisierung in den Kirchen oder des Missbrauchs von Religion zu reagieren.
Wir erkennen an, dass immer noch einige Themen bleiben, die unseren Dialog erschweren, aber der Weg, den wir gemeinsam zurückgelegt haben, stärkt uns.
6. Jugend in Kirchen und in der Ökumene
Junge Menschen sind nicht nur die Zukunft, sondern auch die Gegenwart der Kirchen und der Ökumene. Sie sind lebendige Mitglieder der Kirche (1 Tim 4,12) und bringen Perspektiven und Energie ein, die den Kirchen helfen, den Bedürfnissen und Herausforderungen der heutigen Gesellschaft gerecht zu werden. Gleichzeitig erschweren die wachsende Säkularisierung in Europa und das geringere Vertrauen in religiöse Institutionen es jungen Menschen, ein Gefühl der Zugehörigkeit und der sinnvollen Integration in kirchliche oder ökumenische Aktivitäten zu entwickeln und dieser Zugehörigkeit und Integration Ausdruck zu verleihen. Wir bekräftigen jedoch die entscheidende Rolle, die Jugend- und Studentenorganisationen sowie Jugendtreffen in Kirchen und in der Ökumene stets gespielt haben.
Ökumenischen Prozessen und Feierlichkeiten mangelt es oft an einer Einbindung der Jugend, teilweise weil ihre Kultur und Sprache für die jüngeren Generationen wenig Bedeutung haben. Dennoch bedeutet Christsein für viele junge Gläubige heute, ökumenisch zu sein. Auf dem Weg zur sichtbaren Einheit der Kirchen müssen wir daher sicherstellen, dass junge Menschen Räume für Gemeinschaft, geistliches Wachstum, soziale Verantwortung und einen sinnvollen Dialog mit anderen finden und gestalten können.
7. Europa in einer sich verändernden Welt mitgestalten
Die Kirchen verstehen ihr Engagement für den Aufbau Europas als Teil ihrer Mission. Die Einheit Europas erwächst aus dem Teilen der vielen Reichtümer, die aus der Vielfalt seiner Völker hervorgehen. Der christliche Glaube hat zur Kultur und zu den Werten Europas beigetragen und ist untrennbar mit Europas Geschichte verbunden. Gleichzeitig bekennen wir, dass Christen es nicht verhindert haben, dass Europäer Leid und Zerstörung verursachen, sowohl innerhalb Europas als auch darüber hinaus.
Wir sind überzeugt, dass das spirituelle Erbe des Christentums eine inspirierende Kraft zur Bereicherung Europas darstellt. Aufgrund unseres christlichen Glaubens setzen wir uns für ein humanes und soziales Europa ein, in dem die Menschenrechte und Grundwerte des Friedens, der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Toleranz, der Partizipation und der Solidarität (Jes 1,17) zur Geltung kommen. Ebenso betonen wir die Ehrfurcht vor dem Leben; die Bedeutung menschlicher Beziehungen, einschließlich Ehe und Familie; den vorrangigen Einsatz für die Armen; die Bereitschaft zur Vergebung; und in allem Barmherzigkeit.
Wir verurteilen jede Form von Gewalt gegen menschliche Personen, insbesondere Gewalt gegen die Schwächsten und Minderheiten. Die Kirchen haben eine besondere Verantwortung sicherzustellen, dass ihre Lehre Frauen und Kinder nicht dazu verurteilt, in Situationen häuslicher Gewalt und Missbrauch zu verharren. Wir haben die Verantwortung, uns um gefährdete, beeinträchtigte und marginalisierte Menschen zu kümmern, sie zu schützen und sichere Räume für sie zu schaffen sowie Gerechtigkeit und Gleichheit für alle zu fördern.
Christen in Europa sind Teil der globalen Menschheitsfamilie. Wir verstehen die Vielfalt unserer regionalen, nationalen, kulturellen und religiösen Traditionen als bereichernd. Dennoch können unterschiedliche Hintergründe zu Kontroversen in Fragen der Ethik und des Glaubens führen. Als Christen sind wir aufgerufen, uns in einem zuhörenden, differenzierenden und liebenden Geist miteinander auseinanderzusetzen. Wir sollten uns darum bemühen, Beziehungen und Freundschaften mit Partnern aus anderen Teilen der Welt aufzubauen. Die Hoffnung auf den Aufbau einer gerechteren Welt, eines gerechteren Europas, das des Menschen würdiger ist, muss mit dem Bewusstsein verbunden sein, dass menschliche Anstrengungen nichts nützen, wenn sie nicht von göttlicher Gnade getragen werden.
8. Gemeinschaft mit dem Judentum stärken
Eine einzigartige Gemeinschaft verbindet uns mit dem jüdischen Volk. Die jüdisch-christlichen Beziehungen bleiben ein wichtiger Teil der Identität eines jeden Christen. Die Juden sind das Volk des Bundes, den Gott nie gelöst hat. Sie sind weiterhin „von Gott Geliebte“ und auserwählt, „denn unwiderruflich sind die Gnadengaben und die Berufung Gottes“ (Röm 11,28-29). Sie sind unsere lebendige und tragende Wurzel (Röm 11,18). „Und ihnen entstammt der Christus dem Fleische nach.“ (Röm 9,5). Das jüdische Volk wurde nie durch die christliche Kirche ersetzt, die Hebräische Bibel wurde nie durch das Neue Testament ersetzt, und der erste Bund wurde nie durch den neuen Bund ersetzt.
Wir erkennen als Gabe des Heiligen Geistes das wachsende Bewusstsein der tiefen Verbindung zwischen Christen und Juden an. Wir können gemeinsam die Heilige Schrift lesen und uns von der jeweils anderen Interpretation bereichern lassen.
Wir beklagen und verurteilen alle Formen des Antisemitismus, alle Hassausbrüche und Verfolgungen. Für den christlichen Antijudaismus bitten wir Gott um Vergebung und Juden um Versöhnung. Gemeinsam mit ihnen müssen Christen Hüter der Erinnerung an die jüdische Präsenz und an das jüdische Erbe in Europa werden, das durch die Shoah zerbrochen und fast ausgelöscht wurde.
9. Gemeinschaft mit dem Islam stärken
Für Juden, Christen und Muslime ist Abraham eine Gründungsfigur. Christen teilen mit Muslimen den Glauben an den einen barmherzigen Gott. Sowohl unsere Gemeinsamkeiten als auch unsere Unterschiede können uns helfen, uns selbst und einander besser zu verstehen. Wir sind dankbar für die vielen Formen des interreligiösen Dialogs des Lebens, der Werke, der Fachleute und der religiösen Erfahrung. Indem Christen die Beziehung zwischen Islam und Christentum reflektieren, werden sie befähigt, ihre Beziehungen innerhalb der Abrahamischen Religionen zu pflegen.
Muslime und Christen teilen sowohl eine Geschichte als auch eine Gegenwart in Europa. Diese wurden von friedlicher Koexistenz und nachbarschaftlichen Beziehungen, aber auch von Kriegen und schmerzhaften Erfahrungen, starken Vorbehalten und Vorurteilen auf beiden Seiten geprägt. Um unser Verständnis füreinander zu vertiefen und unser Zusammenleben zu verbessern, ermutigen wir zu einer Intensivierung der Begegnungen zwischen Christen und Muslimen und zur Verbesserung des muslimisch-christlichen Dialogs auf allen Ebenen.
10. Uns mit anderen Religionen und Weltanschauungen auseinandersetzen
Die spirituelle Landschaft in Europa ist in ständigem Wandel begriffen, mit einer Vielzahl religiöser Überzeugungen und nichtkonfessioneller Weltanschauungen und Lebensweisen, mit östlichen Religionen und neuen Religionsgemeinschaften. Zusätzlich wendet sich eine wachsende Anzahl von Menschen säkularen und atheistischen Weltanschauungen zu, ist gleichgültig gegenüber Glauben oder hat eine andere Lebensphilosophie. Dennoch können wir alle gemeinsam leben und handeln, auf der Basis geteilter Interessen und der Verantwortung für andere Menschen und die Gesellschaft.
Wir erkennen, dass christliche Kirchen überlegen müssen, mit welchen Gruppen sie ernsthaft zusammenarbeiten wollen und können. Wo die Zusammenarbeit mit Einzelpersonen und Gemeinschaften möglich ist, sollte das gegenseitige Verständnis gefördert werden, damit Beziehungen gestärkt und vertieft werden können. In gegenseitigem Respekt nehmen wir die kritischen Fragen der anderen ernst und bemühen uns um faire Diskussionen.
11. Nach Frieden und Versöhnung streben
Die Geschichte zeigt, dass Krieg nicht dazu führt, Kontroversen zwischen Nationen zu lösen. Obwohl gewaltfreie Lösungen stets vorzuziehen sind, erkennen wir, dass wir zuweilen mit der tragischen Realität konfrontiert sind, wählen zu müssen, ob wir der Gewalt weiter zusehen oder Gewalt anwenden, um sie zu beenden. Als Christen müssen wir Gott um den Frieden als seine Gabe bitten und anerkennen, dass Friede auch Tag für Tag durch Werke der Gerechtigkeit und der Liebe aufgebaut werden muss.
Friede ist nicht einfach die Abwesenheit von Krieg. Es gibt keinen wahren Frieden ohne Fairness, Wahrheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Deshalb bekräftigen wir, dass Krieg und Gewalt eine Niederlage für die Menschheit sind und dass nur im Frieden und durch den Frieden die Achtung der Menschenwürde und ihrer unveräußerlichen Rechte gewährleistet werden kann. Wir bekehren uns zum Frieden, wenn wir „Schwerter zu Pflugscharen umschmieden“ (Jes 2,4).
Christus lehrt uns, unsere Feinde zu lieben (Mt 5,44). Unser Glaube erlaubt uns nicht, an unseren Gegnern zu verzweifeln. Wir setzen diejenigen, die sich irren, nicht mit ihren Irrtümern gleich und wir verlieren nicht die Hoffnung für sie. Versöhnung meint auch, um Vergebung zu bitten und sie anzubieten, sowie eine angemessene Wiedergutmachung zu vereinbaren. Das Streben nach Frieden und Versöhnung bedeutet, Räume zu schaffen, wo Menschen guten Willens zusammenkommen, die bereit zu aufrichtigem und andauerndem Dialog sind, der den Boden für weitere Schritte hin zur Gerechtigkeit und zum friedlichen Zusammenleben aller Menschen bereitet.
12. Die Schöpfung bewahren
Im Glauben an Gott, der alle Geschöpfe liebt, würdigen wir dankbar das Geschenk der Schöpfung, den Wert und die Schönheit der Natur sowie unsere vollkommene Abhängigkeit von der Schöpfung für unsere gesamte Existenz. Wir beklagen den Raubbau der Güter der Erde, der zu einer ökologischen Krise führt, ohne die natürlichen Grenzen und die Bedürfnisse künftiger Generationen zu beachten.
Die ökologischen Krise ist Ausdruck eines spirituellen und ethischen Versagens, unserer christlichen Berufung im Verhältnis zur Natur einschließlich unserer Mitmenschen nachzukommen. Sie erfordert eine Antwort, die in unserer Liturgie, in unseren Gottesdiensten und in unserer Nachfolge wurzelt. Im Glauben an die lebensspendende und erlösende Gegenwart des Heiligen Geistes in der Schöpfung erkennen wir die Notwendigkeit zu ökologischer Umkehr, um unsere Beziehung zur gesamten Schöpfung wiederherzustellen, in Erinnerung daran, dass Christus der „Erstgeborene der ganzen Schöpfung“ (Kol 1,15) ist.
Wir rufen einander auf, uns für die Schaffung nachhaltiger Lebensbedingungen für alle einzusetzen. In Verantwortung vor Gott müssen wir gemeinsame Kriterien entwickeln und anwenden, um zu erkennen, was für gegenwärtige und künftige Generationen ethisch wünschenswert ist, ohne uns zu sehr auf technologische Lösungen zu verlassen. Wir fordern alle Christen auf, sich um die Gemeinschaften und die Umwelt, in der sie leben, zu kümmern, um so unser gemeinsames Haus zu schützen. Um unsere Ehrfurcht und Dankbarkeit für das Handeln des Schöpfers auszudrücken, ermutigen wir die Kirchen, die Schöpfung das ganze Jahr über, insbesondere aber am Tag der Schöpfung (1. September) und während der damit verbundenen Schöpfungszeit, liturgisch gemeinsam in Ehren zu halten.
13. Mit Migranten, Flüchtlingen und Vertriebenen unterwegs sein
Migration verändert das Panorama Europas und der europäischen Kirchen. Migration kann durch viele Faktoren ausgelöst werden, darunter wirtschaftliche Bedingungen, politische Motive, die Suche nach Arbeit, Verfolgung, Zwangsumsiedlung oder Klimawandel. Unter den Menschen, die unterwegs sind, sind Flüchtlinge, Schutz- und Asylsuchende, Wirtschaftsmigranten und viele andere Gruppen. Wir erkennen an, dass erzwungene oder unfreiwillige Migration oft zu tiefem Leid führt, da die Migranten von ihrem Herkunftsort entwurzelt werden oder einen tiefen Umbruch erleben. Indem wir die Würde und die Rechte jedes Menschen bejahen, prangern wir jede Form von erzwungener Migration, moderner Sklaverei und insbesondere Menschenhandel an: All dies betrachten wir als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wir verpflicheten uns dazu, uns weiterhin dafür einzusetzen, den Opfern solcher Zwangsmigration mit Respekt und menschlichem Mitgefühl zu begegnen, um ihnen die Möglichkeit zu geben, ein neues Leben aufzubauen.
Während wir die Komplexität der Situation sehen, betonen und bekräftigen wir das biblische Motiv des Fremdseins (Dtn 10,18), einschließlich der eigenen Vertreibungserfahrungen Jesu (Mt 2,13-23; 25,35). Wir halten am christlichen Imperativ fest, Fremden Gastfreundschaft zu gewähren und rufen daher alle Menschen dazu auf, Migranten willkommen zu heißen, zu schützen, zu fördern und zu integrieren.
Sowohl die Migration nach Europa als auch die Migration innerhalb Europas haben zu einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft geführt, welche die ethnische, soziale, kulturelle und konfessionelle Landschaft in den Zielländern signifikant verändert und die Zusammensetzung der Gemeinden neu formt. Gleichzeitig hinterlässt Migration oft große Lücken in den Herkunftsländern und deren Kirchen.
Nichtsdestoweniger bereichert Migration die kulturelle und religiöse Vielfalt in der Aufnahmegesellschaft. Viele lokale christliche Gemeinschaften verdanken ihre Existenz der Anwesenheit von Migranten, die wiederrum selbst sehr vielfältig sind. In Kontexten, wo sowohl bei Einheimischen als auch bei Migranten Ängste bestehen, ermutigen wir die Kirchen, Räume zur Begegnung zu schaffen und eine Kultur der Solidarität, des Vertrauens und des gegenseitigen Respektes unter den Menschen zu fördern. Religiöse Ressourcen, Kunst und Kultur haben alle das große Potential, Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, Sprachen und Überzeugungen zu vereinen.
14. Uns mit neuen Technologien auseinandersetzen
Wir bekräftigen, dass menschliche Intelligenz ein Geschenk Gottes an die Menschheit ist; wir sind aufgerufen, sie zur Ehre Gottes zu nutzen (Ps 8,5-9). Wir erkennen, dass Wissenschaft und Technologie faszinierende – und manchmal erschreckende – Produkte des menschlichen kreativen Potentials sind, die die Art und Weise prägen, wie wir uns zur Welt, zueinander und zu uns selbst verhalten.
Künstliche Intelligenz und andere autonome digitale Systeme, Klonen und menschliche Optimierung sowie neue Formen der Kommunikation verändern radikal gesellschaftliche Interaktionen, die Gesellschaft als Ganze und den Umgang mit menschlichen und natürlichen Ressourcen. Sie beeinflussen unser tägliches Leben zunehmend, mit weitreichenden noch nicht vollständig absehbaren Auswirkungen auf persönliche Beziehungen, Bildung, öffentliche Verwaltung und politische Systeme sowie auf unser Verhältnis zur Umwelt.
Angesichts der rasanten Entwicklung neuer Technologien betonen wir die Notwendigkeit, sie für das Gemeinwohl zu nutzen, anstatt zuzulassen, dass sie zur Zunahme von Hass, Polarisierung sowie zur Verbreitung von Lügen und Angst beitragen. Die Hoffnungen und Ängste im Zusammenhang mit neuen Technologien müssen mit der Vision Jesu von einer blühenden Menschheit in Einklang gebracht werden, die die Integrität und die angeborene Würde der Person sowie den Wert persönlicher Beziehungen und menschlichen Wissens achtet. Andernfalls werden menschliche Entfremdung, menschliche Distanzierung und Ungleichheiten ungehindert weiter zunehmen, Wissen und Reichtum sich in den Händen einiger weniger anhäufen und ernste Gefahren für demokratische Gesellschaften und das friedliche Zusammenleben entstehen. Wir ermutigen Kirchen und Christen, neue Technologien nicht zu verteufeln, sondern sie als Chance zu sehen, die zu kritischem Denken und einem vertieften Bewusstsein für menschliche Verantwortung einlädt.

